Equus Kinský

 

Die Vollblutzucht der Familie Kinský, einem Hochadelsgeschlecht aus Chlumec an der Cidlina in Böhmen (heutiges Tschechien) reichte sehr weit zurück. Bereits im Jahre 1520 wurde das Gestüt Hebrecin Kinský der Familie Kinský gegründet, jedoch begann die Zucht noch viel früher, da bereits im Jahre 1461 Pferde aus der Kinskýzucht Erwähnung fanden, die ihren Einsatz in der Kavallerie und bei Pferderennen fanden.

 

Am 2. Juli 1628 wurden die um 1150 erstmalig erwähnten Kinskýs in den Reichsgrafenstand erhoben. 1723 beauftragte der Österreichische Kaiser Karl II. das Haus Kinský, seine Pferdezucht zu erweitern, um die beliebten Pferde aus der böhmischen Zucht für ausgewählte Kavallerie-Offiziere in ausreichender Menge liefern zu können. 1746 und 1747 teilt sich das Geschlecht der Kinskýs in die fürstliche und die gräfliche Linie.

 

1776 reiste Graf Kinský nach England, um die besten Vollblüter einzukaufen, die verfügbar waren. Kaiserin Maria Theresia von Österreich (1717-1780) soll zahlreiche Militärpferde in Böhmen geordert haben.

 

Im Jahre 1836 brachte die als Fuchs registrierte Vollblutstute Themby I in Anpaarung mit dem dunkelbraunen Hengst Whisker xx ein isabellfarbenes Stutfohlen zur Welt. Das General Stud Book weigerte sich aufgrund der Farbe, das Fohlen einzutragen. Diese Entscheidung wurde damit begründet, dass es noch nie ein Vollblutpferd in dieser Farbe gegeben hätte. Es wurde gar unterstellt, dass möglicherweise ein Hengst spanisch-neapolitanischer Rasse aus dem benachbarten Fideikomißgestüt Ostrov der Vater des Fohlens sei.

 

Der erzürnte Oktavián Joseph Graf Kinský (1813-1896) – ungehalten über diese Unterstellung – gründete daraufhin kurzerhand ein eigenes Stutbuch. Die Rasse des Equus Kinský, auch Kinský-Pferd, Chlumetzer oder Böhmischer Hunter genannt, war geboren. Das Isabellfohlen, welches Themby II genannt wurde, brachte im Jahre 1845 mit Prince Djalma xx den isabellenfarbenen Hengst Caesar, der zum Stammvater der Kinský-Pferde werden sollte.

 

Die blutgeprägten Pferde fanden ihren Einsatz als Kavalleriepferde, Hunter und wurden auch für Rennen eingesetzt. Das Gestüt Equus Kinský war nicht nur ein Zentrum der Pferdezucht, sondern auch ein Ort sportlicher und gesellschaftlicher Veranstaltungen. Oktavián Joseph Graf Kinský organisierte ab dem Jahr 1836 die ersten Parforcejagden nach englischem Vorbild in Böhmen und ab 1846 veranstaltete er Steeplechase-Rennen im englischen Stil. Viermal waren Pferde der Familie Kinský beim Großen Pardubicer Steeplechase siegreich. 1883 gewann die Kinskýstute Zoedone mit ihrem Reiter Graf Karel Kinský das Grand National in Aintree (England).

 

1937 konnte Gräfin Lata Brandisova mit der Kinský-Stute Norma mit sieben Längen als erste und einzige Frau das Pardubice Grand National für sich entscheiden. Dieses Rennen wurden neun weitere Male von Kinský-Pferden gewonnen (Beispiele: Magyarád 1897 und 1900, Glory 1899, Buchweizen 1931, Norma 1937, Nestor 1966).

 

links: Kinský-Stute "Norma" im Jahre 1936 mit ihrer Trainerin und Reiterin Gräfin Lata Brandisova • rechts: Kinský-Hengst "Nestor" nach seinem Sieg beim Pardubice Grand National, 1966

 

Die gewünschte Farbgebung der Kinský-Pferde sind die Isabellen, aber auch alle anderen Farben kommen vor und sind erlaubt. Als Oktavián Joseph Graf Kinský gezielt begann, Isabellen zu züchten, fielen auch doppelt aufgehellte Fohlen (Weissisabellen - Cremellos und Perlinos), die er abfällig als “Kakerlaken” bezeichnete. Damals fiel die Farbgenetik noch in die Kategorie (im wahrsten Sinne des Wortes) "böhmische Dörfer" und man glaubte, durch Einkreuzen dunkler Pferde dem allmählich auftretenden Farbverlust entgegenwirken zu können. Graf Kinský war zudem davon überzeugt, dass auch einfarbige Nachkommen isabellfarbener Eltern die Erbanlage für die begehrte Goldfarbe in sich tragen. Dieser Trugschluss hielt sich über viele Jahre und wurde erst in jüngerer Vergangenheit widerlegt.

 

Viele Jahre wurden die Kinskýs auf Vollblutbasis weitergezüchtet und mit Kisberern, einer Halbblutrasse aus dem ungarischen Gestüt Bábolna gekreuzt. Auch Hannoveraner, Trakehner und Achal-Tekkiner kamen zum Einsatz. Die Kinský-Fohlen benannte man von Anbeginn der Zucht immer nach dem Anfangsbuchstaben der Namen ihrer Mütter. Noch heute beginnen die Namen aller Kinskýs mit N, H, J, M, R, P und O.

 

Nachdem die Familie Kinský im Jahre 1948 enteignet und emigrierte war, übernahmen die Gestüte Slatinany und Kladruby an der Elbe die in Chlumec verbliebenen Kinský-Pferde. Nach mehrfachen Besitzerwechseln wird die Zucht im tschechischen Stammgestüt Ostrov bei Písek bis heute betrieben und auch einige wenige tschechische Privatzüchter versuchen, die Rasse zu erhalten und nach den ursprünglichen Merkmalen weiter zu züchten.

 

Vertreter der Kinský-Pferde, die als nationales Kulturgut Tschechiens gelten, befinden sich mittlerweile auch in Österreich, in der Schweiz, in Holland, Belgien und in England. Ein Züchter in Großbritannien soll der Königin Mutter zu ihrem 100. Geburtstag eine goldene Kinský-Stute zum Geschenk gemacht haben.

 

Ende des 20. Jahrhunderts ging die Zucht der Kinský-Pferde nahezu vollständig im Tschechischen Warmblut auf. Die gegenwärtige Population der Kinskýs ist bedenklich gering und gilt als vom Aussterben bedroht.

 

Zwei Portraits des Oktavián Joseph Graf Kinský zu Pferde – links auf seinem Gründerhengst Caesar
Druckversion Druckversion | Sitemap
© horseandart